/Texte/  von R.E.Dick : VON "DEM-DA-OBEN"

/>Ankreuzen/   /Texte/   />Impressum/  

Powerkreuz VON "DEM-DA-OBEN"

  • Im Frühjahr nach der Schneeschmelze, wenn die Wiesen feucht, die Wege matschig sind, wenn junges Grün und junges Wild die Sinne so mancher Leute verzaubern, nutzen verschiedene Großstädter die freien Wochenenden zu einem Ausflug zu uns in die Berge. Hier bei uns in den Tälern suchen sie sich meist die erste Bleibe, bevor es sie in die Berggipfel treibt, wo sie dann eine Nacht oder zwei die Gipfel unsicher machen. Berghütten wurden droben aufgestellt.
  • Zurecht! Was soll das?

  • Nun ja, da hat mich einer überrascht. Ich meinte doch den Franz zu kennen. Zwanzig, bestimmt fünfundzwanzig Jahre lebt er hier. Damals, als auch ich noch ein junger Kerl war, ich hatte gerade mit dem K-Duo, den beiden Katrins, angebändelt, kam er aus der Stadt. Er kam immer öfter her und hat wohl eine Zeitlang droben gelebt, beim Alten, der damals noch gar nicht so alt war. Wenn Franz damals bei uns im Dorf war, kam er auch in die Gaststätte. Meine Freundinnen, die beiden Katrins, darum auch K- Duo, interessierten sich, wie ich bemerkte auch für ihn. Anfangs paßte mir das nicht, wenn er spendierte und ich bewirtete, doch bald beobachtete ich, dass es die hellere der Freundinnen war, die ihn umgarnte, während die mir liebgewordene dunkle Katrin mir auch treu war. Nein, wir kannten nicht 'mal unsere Nachnamen, das heißt, meiner war bekannt, ich hatte ja die Gaststätte meiner Eltern mitzuversorgen und das war bekannt. Ich hatte durch und mit dem Tourismus und kleiner Landwirtschaft ein gutes Auskommen und Zukunft bei meinen Eltern. Darum fiel es mir auch leicht, Katrin Hell zu fragen, ob sie meine Frau werden würde. Mit viel Vernunft und reichlicher Überlegung nahm sie sich begeistert dieser Idee an. Auch die Freundin wurde zunächst um Rat gefragt. Als ich das siebte Mal um eine Antwort bat tut mir leid; wenn ich jetzt von mir erzähle, vergesse ich noch von "Dem" zu erzählen, was mich überrascht hat.
  • Franz saß am Samstag bei mir in der Gaststube, Katrin, meine Frau, bediente ihn und die fremden Gäste aus der Stadt an seinem Tisch und holte mich schließlich von der Theke. Sie sagte: "Hör' dir den Franz an, der erzählt seine Lebensgeschichte. Nachdem, was ich gerade verstanden habe, weiß der sehr viel vom Alten droben. Er ist darum wohl gerne hier, dabei kommt er aus der Stadt."
    "Hat er sich jemals bei deiner Freundin beklagt", fragte ich sie.
    "Ich glaube seine Frau weiß nichts von dem, was er hier erzählt. Die hätte es mir auch erzählt", antwortete meine Frau. Mir fiel nun auf: "Dabei hat er sich eben noch über diese Stadtmenschen lustig gemacht. Nun lädt er sie an seinen Tisch und erzählt ihnen alles. Er versteht sich dann doch besser mit Städtern."
    Katrin, meine Frau, wußte ihn in Schutz zu nehmen: "Vielleicht liegt es daran, dass die beim Alten oben waren und auf eine Übernachtung verzichteten."
    Nun wollte ich es wissen: "Das soll er uns auch erzählen." Wir setzten uns zu Franz und ich fragte, worum es denn geht, es soll hoch interessant sein und ich wolle nur hören, ob es mir die Gäste nicht verschreckt. Franz fing also von vorne an:
  • "Lieber Sepp, liebe Katrin, wie ihr wißt, wollte diese junge Familie, die aus der Stadt kommt, beim Sepp Huber oben übernachten. Der Alte hatte ihnen sicherlich Plätze zum schlafen zugewiesen, dennoch kamen sie im Wolkenbruch zurück."
    Der junge Familienvater erklärte nun: " Der Alte hatte eine Sprache am Leib und Bewirtung gab es auch keine. Droben waren wir von der Welt abgeschnitten. Hüttenkäse, hartes Brot und dann diese Holzpritschen, was glaubt Der denn, wer wir sind? Beim Militär mag das 'ne Möglichkeit sein."
    Seine junge Frau fiel ihm ins Wort: "Ich dachte, ich sehe nicht recht! Spinnweben im Gebälk und Mäuse, Mäuse versorgt der Alte auch. Die nötigen Bedürfnisse waren in einer kleinen Hütte zu erledigen. Die aufziehenden Wolken verdunkelten alles, aber es gab kein elektrisches Licht, überhaupt keinen Strom. Und das Essen, Brot und Wasser, wilde Kräuter, stinkender Käse, da hat mein Mann ganz recht. Als wir mit Geld kamen, nahm der Alte es, besorgte nichts, sondern sagte ganz frech, dass das nicht nötig sei!
    In seinem Sparstrumpf steckten Münzen und Scheine von beträchtlichem Alter; die mussten aus seiner Jugend stammen. Und er raunte noch, dass er es dankbar annehme, es kommt schon mal einer, der Geld nötig hätte, aber für sich habe er seit dem fünfundzwanzigsten Lebensjahr nichts gebraucht. Er rühmte sich seiner einfachen Lebensweise, erzählte von Mäusen, Ratten, Krähen, Schlangen, Spinnen und vertrieb uns. Es scheint, dass er tatsächlich mit solchen Viechern lebt. Als wir uns aufmachten und doch lieber vorm Abend gehen wollten - , es war ekelhaft dort oben, richtig unmenschlich - , riet er uns zu eilen, damit wir nicht allzu nass würden. Die Wolken waren aufgezogen und nach zwei Stunden begann es zu regnen. Nach weiteren zwei Stunden waren wir durch und durch nass und endlich in der Gaststätte. Herr Wirt nochmals vielen Dank für die Notkleidung, es ist nämlich alles nass.
    Der freche Herr, der sich wohl entschuldigend erlaubt hat, uns an seinen Tisch zu laden, will uns wohl persönlich erklären, warum er so gelacht hat, als wir, wie er wohl vorgestern, ja vorgestern mitbekommen hatte, dass wir nach da oben wollten, uns heute wiederkehren sah."
    Und zu Franz sagte sie: "Sie selber hatten doch gesagt, dass es vernünftigen Menschen beim alten Sepp Huber, so heißt er wohl, gefallen würde."
  • Nun war also Franz wieder an der Reihe:
    "Nun, wo sie mich ansprechen, lassen sie es mich nochmal von vorne, möglichst richtig und vollständig erklären, wofür der Alte gut ist:
    Vor sechsundzwanzig Jahren kam ich das erste Mal als Einundzwanzigjähriger hier her. Ich weiß das noch sehr genau, denn daran hängt mein ganzes Leben.
    Ich bin kein witziger, lustiger oder besonders humorvoller Mensch, das war schon immer so.
    Die Gruppe, in der ich damals war, hatte eine tolle Tour geplant, mit der Bahn und dem Schiff quer durch Europa. Ich war damals ein kleiner Angestellter und hatte mit Mühe um den Urlaub gekämpft, hatte mir sogar einen Vorschuss geben lassen, um noch Trinkgeld für die Fahrt zu haben. Kurzfristig wurde der Abfahrtstermin zwei Tage vorverlegt und an jenem Freitag hatte ich zu arbeiten. Damals war ich nur Verkäufer, heute habe ich hier meinen eigenen Laden.
    Jedenfalls waren mein Ticket und meine Freunde am Freitag weg und ich sollte mit der Bahn hinterher: Wenn ich sofort nach Dienst in den Zug gestiegen wäre und den ersten Aufenthalt, den die anderen genossen, sausen ließ, würden die Freunde am Sonntagmorgen dazukommen. Als ich dann in meiner damaligen Stadtwohnung eine Liste mit Änderungen im Fahrprogramm bemerkte und den Zettel im Briefkasten fand, es täte ihnen leid, ich könnte es ja versuchen, aber wahrscheinlich war mein Platz, den ich bezahlt hatte, vergeblich reserviert worden. - Ich war ärgerlich.
    Natürlich wußte ich, dass ich gereizt von der Arbeit in den vergangenen Monaten, oft auch zu meinem Leid, der "Misepeter" war; aber gerade deswegen wäre diese gemeinsame Urlaub so wichtig gewesen.
    Urlaub war mir jetzt wichtig!
    Ich nahm mein Geld und sonst nichts und marschierte los. Ich fuhr mit der Stadtbahn aus der Stadt raus, klaute mir ein Fahrrad und radelte in die Berge. Ich dachte immer nur: 'Bloß weg!'
    Als ich bemerkte, dass es dunkel wurde und im Sommer wird es spät dunkel, war ich bereits hoffnungslos abseits in den Bergen. Ebenso wie die Sonne versank, stiegen Wolken am Himmel auf und ich fuhr halb so schnell und ein wenig verzagt und kämpfte mit einigen schlecht asphaltierten Wegen bis der Regen kam. Nun stieg ich ab. Der Berg noch vor mir, da war ein Dorf im Tal, dieses Dorf. So kam ich, durch den Platzregen durch und durch nass, das erste Mal in diese Gaststätte geradelt, wo ich die nötige Hilfe fand. Deine Eltern Sepp, du warst wohl gar nicht da, ach, es war ja auch spät, versorgten mich und gaben mir ein Bett.
    Am nächsten Morgen frühstückte ich und mit dabei Sepps Großmutter, die damals noch lebte. Und ich erfuhr von dem Alten. Wie wir darauf kamen, weiß ich nicht mehr, nur, sie riet einem jungen Mann wie mir nun einmal, wenn er etwas nötig zu haben meint, raufzugehen zum alten Huber. Der hält gern einen Schwatz und hat alles, was notwendig ist.
    Da es ein schöner Morgen war, entschloss ich mich sogleich und machte mich auf den steilen Pfad zur Hütte auf dem "kleinen Schmalenberg", wie der Gipfel heißt. Die meisten Gebirgsbesucher achten diesen kleinen Gipfel in dieser Region am wenigsten, er ist ihnen nicht hoch genug.
    Für einen normalen Fußmarsch von vier Stunden ist der Marsch hinauf aber doch recht anstrengend. So war ich froh, als ich am frühen Nachmittag endlich an der Hütte war. Das Wetter war wunderbar, ich genoss die Aussicht und freute mich in die Gebirgswelt hineinschauen zu dürfen. Von hier hatte ich das Gefühl, die Berge verstehen zu können. Auf der kleinen Wiese vor der Hütte war ich in der Sonne schließlich eingeschlafen und der Alte hatte mich nicht gestört. Urlaub, Ruhe, das war genau das, was ich damals brauchte. Aber, da war noch die Verärgerung über die verlorene Tour mit den Freunden.
    Und schließlich weckte mich der Alte. Die Sonne war hinter die Berge gesunken und der Wind frischte auf. Ich sollte mich nicht verkühlen, also folgte ich dem Alten in seine Hütte. Damals trat ich in einen großen würfelartigen Raum, die Decke hängt recht hoch. Gegenüber dem Eingang steht gestern wie heute eine Leiter, die in den Giebel zur zweiten Etage führt. Da oben wohnt der Alte, sein Eigenheim, Gäste werden unten einquartiert. Er hat auf der linken Seite, wenn man rein kommt, Liegen, Decken und Vorhänge zum Abteilen. Rechts ist die Kochecke. Ein kleiner Quell vor der Tür ist die Waschstelle, die Toilette, ein Häuschen an der Felsspalte. Oben unter den Giebel des Hauses lässt der Alte keinen. Vor der Kochstelle stehen zwei Stühle, ein Tisch und eine lange Sitzbank an der Wand, wo diese Sitzbank bis in die Ecke und von dort fast bis zur Tür reicht. Hier, nahe der Kochstelle, die der Ofen ist und die ganze Hütte heizt, nahm ich auf der Bank platz. Ich sah aus dem Fenster auf den Berg, der hinter der Hütte noch einige hundert Meter steil ansteigt. Oben in den Wolken erkannte man so lange es hell war, das Plateau, eine Ebene, die den Berg krönte. Diese Stelle hier war aber der letzte Ruhepunkt vor dem Gipfel dieses kleinen Berges.
    Es war nun aber zu spät, um noch hinauf zu gehen und meine Sorgen hatte ich auch noch. Es war sehr verwunderlich, wie der Alte es begrüßte, als ich mit den zwei Hausmäusen spielte. Trotz meines Spielens oder gerade deshalb erkannte er, dass ich Sorgen hatte. Nun fragte er mich und ich erzählte ihm meine Geschichte. Alles, was er währenddessen tat, war Brot und heißes Wasser anzubieten und ich nahm und auch die Mäuse aßen Brot. Als ich zuende erzählt hatte, legte er los und schimpfte:
    " Europa! Was ist denn das! Auf den Menschen kommt es an, nicht auf Fahrten, Geld und Vergnügen. Solche Touren sind die reinste Mißachtung. Fahrrad klauen, wie kann man nur, und dann noch unzufrieden sein, wenn man in die Berge kommt. Arbeiten, arbeiten, jeden Tag arbeiten, das ist doch selbstverständlich. Jeden Tag ausruhen, beten, Gott danken, ja von hier sieht die Welt noch viel besser aus. Die Welt ist nicht schlecht, nur was die Menschen daraus machen. Anstatt sich an Gott zu wenden und den Blick hinauf zu wagen, denken viele nur an ihr Vergnügen.
    Unzufriedenheit! Unzufrieden sind nur Leute, die nicht wissen, wie schlecht es einem gehen kann, wieviel mehr alltäglich den Leuten in der Welt gegönnt wird. Du sollst froh sein, nun schenke ich dir einen neuen Anfang, einen schönen Urlaub. Morgen früh steigst du ganz hinauf und dann zeige ich dir, wie ich lebe und warum und dann wirst du sehen, dass das Leben eine Aufgabe ist. Freude muss gemacht werden, arbeiten ist lästig, bedeutet oft Schmerzen, Leid, aber nur dann darf man sich freuen, wenn man auch wirklich gelitten hat; so wie der Herr Jesus."
    Der Alte war damals noch nicht so sehr alt, eher ein erfahrener "alter Herr", heute mehr ein "weiser Alter". Er ist für mich immer ein sehr väterlicher Typ. Schon damals dachte ich an den Vater aus dem "Vater unser" und ich hatte nach diesem "Donnerwetter" wunderbar geschlafen. Am nächsten Morgen ging es früh um halb sechs hoch auf den Berg, oben auf das Plateau. So wie die Sonne zwischen den Tälern und über die Berge scheint, funkeln die Blumen und Krüppelkiefern auf dem Plateau des kleinen Berges. Ich hatte das Gefühl, das Gott mit dem Licht ganz besonders auf dieses Plateau scheinen läßt. Wie gut Gott die Welt gemacht hat, zeigten mir die Blumen, die sich oben auf dem Plateau zwischen den Krüppelkiefern bescheinen ließen.
    Hier gab es ein kleines Gipfelkreuz im Osten des Plateaus. Als ich zum Frühstück mit dem Alten darüber sprach, funkelten seine Augen. Das Kreuz hat er selber gemacht!
    'Es ist zwar nur halb so groß, wie das Echte, an dem der Herr gehangen,' meinte er: 'Aber für das Herz ist es groß genug.'
    Zum Frühstück gibt es dort einen merkwürdigen aus Kräutern gepreßten Saft, milde Kräuter, die etwas tiefer am Berg wachsen, mit wenig Wasser verdünnt. Ich war das auch nicht gewöhnt, aber ein Murmeltier, das in der Woche, die ich zunächst oben blieb, öfter auftauchte, zeigte mir, dass es trinkbar ist. Wieder gab es nur Brot und der Alte erklärte: 'Zu Mittag hat man ´was Festes und Warmes nötig, aber unser täglich Brot immer dann, wenn der Hunger danach verlangt.'
    Links neben der Hütte ist ein kleiner Kräutergarten und Felder, mit Getreide, mit zahlreichen Blumen gespickt, ziehen sich zweihundert Meter tiefer um den Berg. Viele Spinnen sind dem alten Herrn gerade recht und ich stellte fest, wenn Fliegen, Mücken und solches Getier zu zahlreich wurden, hielten Spinnennetze vieles zurück. Oben am Felsen, in Höhlen, hat er Kaninchen, aber nur drei damals. Er tauscht großgewordene Kaninchen, nur eins gönnt er sich für einen festlichen Anlaß zu schlachten. Heute ist er froh, wenn ich ihm für den Wurf von jungen Kaninchen Nahrungsmittel mitbringe. Dosen sind unnötig und unpraktisch. -
    Kommen sie mal in meinen Laden! Bei uns ist alles frisch! Zum Teil holen wir es aus dem eigenen Garten, zum Teil von den Landwirten aus der Gegend und verkaufen es an die Touristen. Für uns und den Ort würden wir nicht soviel brauchen und mein Laden sich nicht lohnen.
    Zurück zum Alten: Der hält sich Tauben. Auf dem Mist von Pflanzen und Tieren gedeihen große stabile Pflanzen und Pilze. Bei seinem Tagewerk hatte ich dabei zu sein und mir mein Brot zu verdienen. Gute Luft und schwere Arbeit, was hatte ich als Verkäufer wenig geleistet, tüchtige Arbeiter um ihren wohlverdienten Lohn gebracht. Hier beim Alten hob ich als erstes die Toilettengrube aus, reinigte die Kaninchenställe, entsorgte den Taubenmist und sammelte dann einige Beeren für das Mittagessen. Kleinfleisch gab es, die Mäuse, mit denen ich gestern noch gespielt hatte. 'Das sind die alten Mäuse', erklärte er, 'es gibt einen neuen Wurf, und der ist schon auf den Beinen. Zwei, mehr Mäuse brauchen wir hier oben nicht. Die versorgen sich selbst an unseren Vorräten und ich mich an ihnen.'
    Mäusebälge präparieren, Kaninchenfelle gerben, pflanzliche Mittel gibt es dafür und er ist entsprechend gekleidet.
    Auf der Haut trägt er Fell und darüber Leinen; darum sieht er so normal aus.
    In der einen Woche hatte ich viel gelernt, wir hatten nicht allzuviel gesprochen, die Arbeit war zu verrichten.
    "Gäste kommen", so sagt er, "für eine Nacht. Wer bleibt der arbeitet."
    Er hat den Gesang der Vögel, die Wolken als Boten von Nachrichten und die Tiere als Wetterpropheten, er hat Ruhe und einen gesunden Schlaf.
    Nach einer Woche fragte ich dann, wie lange ich dort war, ich hatte die Tage nicht gezählt.
    "Vorgestern war Sonntag gewesen", erklärte der Alte, "wir hatten einen ruhigen Tag."
    Sonntags wird gut gegessen, aber wenig gearbeitet, dass heißt Arbeit macht nur das Essen. Ich hatte mich an Spinnen gewöhnt, an Kerbtiersuppe an Taubenfleisch und Mäuse, an das Kauen der rohen Körner. Ich konnte Brot backen, in dem alten Steinofen, und ich hatte die Ziege gemolken, den Ziegenbock an und los gebunden, - die hatten einen kleinen Pferch. Milch hatte ich getrunken, Käse angesetzt, Sanddornmarmelade gekocht und Erdbeerbrei und Müsli gegessen. Ich war mit mir zufrieden, doch nun wollte ich wieder weg. Der Alte ermutigte mich sogar, denn so lange hatte, seitdem er vor zwanzig Jahren raufgezogen war, noch niemand mit ihm ausgehalten. Es war im Spätsommer, die beste Zeit, als ich oben war. Kaninchen gab es zum Abschied, Brot und einen kräftigen Schluck aus der Quelle. Er riet mir in die Berge zu ziehen und wiederzukommen, die alte Arbeitsstelle aufzugeben, aber zunächst mich weiterzubilden, damit ich unten im Tal etwas machen kann. Woher wusste er, dass ich als Verkäufer mich weiterbilden konnte, um mein eigenes Geschäft mit Naturkost aus und in den Bergen zu eröffnen. Ja, meine Idee war gut.
    Ach, es war ja seine. Heute fahre ich mit Kräutern, verkaufe Tee, auch in der Stadt. Ungern fahre ich mit dem alten Transporter, aber ich habe heute Kinder und denen gönne ich ein wenig mehr denn nötig.
    Nein, so schnell sind wir nicht zu Ende, aber ich fasse jetzt schnell zusammen, denn es ist wirklich spät. Zwei Bier wollte ich, meine Frau wird böse und die Kinder haben ein Recht darauf, dass ich da bin.
    Ja, die Katrin, sie hieß damals noch Kaufmann. Das war dann mein Beruf, als ich in der Stadt aufhörte. Aber ich fing nicht hier in den Bergen an, nein, mein erstes Jahr lernte ich droben beim Alten Huber. Ich ging auch im Frühling hinauf und kam im späten Frühling wieder runter, aber das war dann ein Jahr später.
    An vier Sonntagen kam ich ins Tal, um andere Menschen zu sehen. Erstmals vier Wochen nach Beginn meines "Gebirgspraktikums" und da lernte ich dich, Sepp, und die Katrins kennen. Ich fühlte zwar, dass die beiden Mädels Interesse hatten, dass Katrin Kaufmann, die Hellere, sich in mich verliebte, bemerkte ich erst gar nicht. Zumindest fing ich kein Feuer, was die Liebe betraf, sondern ich war, wie ich unten war, in Gedanken meist schon wieder oben.
    Im Sommer kam ich zum Anfang und zum Ende und spät im Herbst vorm Schnee ein letztes Mal hier runter. Der Alte hatte mir damals Geld gegeben. Er sagte: 'Für ein Bier!' Dabei hatte ich selber Geld. Er wusste immer, was es kostet. Auch als es im Herbst zwei Groschen teurer war, gab er mir das Geld für ein Bier passend mit. Nach diesem Jahr wollte ich erst noch kurz in die Stadt, doch der Alte entließ mich weniger freundlich und sehr selbstsicher:
    "Nun weißt du, wie es mir das Jahr über geht und ich habe sicherlich auch davon profitiert, aber da es nicht nötig ist, dass zwei hier oben über Jahre gemeinsam leben, hätte ich dich eh fort geschickt. Unten im Tal wartet ein Fräulein, lass sie nicht länger warten. Schon im Herbst hätte sie gefragt werden wollen. Geh nicht wieder in die Stadt. Lass dir im Dorf helfen."
    Ich fragte nach dem Mädchen und er erinnerte mich: "Die Katrin, welche dich fragte, wann du wiederkommst. Du hast es mir erzählt. Noch ist Frühling, da kommst du früh genug, im nächsten Jahr nicht mehr! Nun warst du ein Jahr bei mir und weißt nicht, was Liebe ist. Da kann ich dir nur sagen:
    Wenn Not am Mann ist, bei mir gibt es immer das Nötige, zumindest für Gäste, für eine Nacht."
    Das war ein "Aufwiedersehen" und ich ging ins Tal und fragte dich Sepp und deine Freundin, damals Katrin Hell, die dunkelhaarige vom K-Duo, heute seine Frau und hier die Wirtin, ob ich einfach so ins Tal ziehen und einen Laden aufmachen könne. Eine Bruchbude war zu verkaufen, Sonderbedingungen, Vergünstigungen, zunächst auf Pacht und ihr habt mir geholfen.
    Meine Frau, Katrin, hat mir erzählt warum, und sie weiß das eigentlich auch am besten. Seine, also deine Freundin, du Katrin, seine jetzige Frau, hattest versprochen nur mit deiner Freundin an den Altar zu treten. Meine Frau war damals schon entschieden: Ich sollte es sein, nur ich hatte Probleme:
    Arbeiten hatte ich beim Alten gelernt, aber Liebe, das hatte ich noch nicht begriffen, da hatte der Alte recht. Katrin war noch nicht meine Frau, aber sie war immer wieder bei mir und ich hatte mich doch nur um das Geschäft gekümmert.
    Dann irgendwann wurde der Säugling ihrer Nachbarn sterbenskrank. Katrin sorgte sich, wie die Mutter selbst um diesen Jungen und sah mich dabei trauernd an.
    Meine Katrin ist tüchtig, sie ist die Richtige für einen jungen Mann, das hat sie mir damals immer bewiesen. Als der Arzt abends um acht mit dem Kopf schüttelte und sagte:
    "Da kann ich nichts tun, bis zum Morgengrauen, länger nicht", hatte sie mich auch in dieses Haus gebracht. "Ich kann auch nicht helfen", sprach ich und trauerte auch.
    Viel zu sehr abgehärtet war ich! Der Tod eines Tieres bei dem Alten, ich selber hatte ihn herbeigeführt und nun schien es notwendig, dass ein Kind stirbt. Dann kniete meine jetzige Frau, damals noch Katrin Kaufmann, vor mir. Sie ahnte wohl, was ich vermochte, aber ich noch nicht. Ich sollte mir vorstellen, es sei mein Kind, stammelte sie.
    Aber es war, es ist nicht mein Kind, - und doch ist es mein Kind, aber damals als ich keine Kinder hatte, war ich nicht bereit ein Fremdes anzunehmen!
    Mitternacht war vorüber und sie kniete immer noch an meinen Knien gelehnt. Einen AUSWEG aus der Not sollte ich wissen. Dieser Weg aus der Not ging für mich zum Alten rauf. Darum dachte ich:
    Im Sommer wird es früh hell! Darf ich mit dem Kind laufen! Nun war es gleich!
    Ich nahm das Kind auf meine Arme und lief, aus dem Haus, auf die Straße, auf den Berg, und meine Katrin immer hinterher. Sie schrie: "Gib mir das Kind! Warte!" Und ich rannte, bis ich nur noch gehen konnte und meine Freundin war immer hinter mir her. Die Eltern des Kindes hatten nicht verstanden, was vorgefallen war, so schnell waren wir weg.
    Oben beim Alten erlebte ich mit meiner jetzigen Frau die Wunderheilung und wir wussten es bisher niemanden zu erzählen.
    Die Sonne dämmerte noch von hinter den Bergen, bald kam sie herauf durch das erste Tal. Ich hatte meine Freundin einige Meter hinter mir gelassen und sie war bestimmt ärgerlich. Der Alte besah sich den kleinen Knaben und fragte mich, ob es mein Kind sei. Ich sagte: "Bitte!" und er entgegnete als meine Katrin eingetreten war, dass er meinem Kind nicht helfen würde, wenn es nicht ein anderer bringt.
    Eine Nacht hat er versprochen, nicht länger, - aber da es ein fremdes Kind ist, sollte ich es gleich wieder mitnehmen.
    Er nahm zwei Spinnen und eine Maus, setzte die Spinnen ins Gesicht des Kindes und dieses streichelte die Mäuse mit seiner kleinen Faust und das Kind fing wie wild an zu schreien. Ich hielt Katrin zurück. Was machte das für einen Eindruck. Dem Kind war geholfen und die Kräuter zum Kauen waren nun das Richtige. Auch Katrin bemerkte nun, dass dem Kind geholfen war und sah mich bewundernd an, umarmte mich und drückte ihre Wange an die meine.
    "So, und da ist noch jemand, der etwas wirklich nötig hat", erklärte der Alte, nahm und führte uns zur Leiter in die Mitte des Raumes und legte ihre Hand in die meine.
    "Denkt an den da oben", sagte der Alte, "ihr gehört nun zusammen. Nun sah ich mir ihr strahlendes Gesicht an, fühlte ihre Hand und blickte mit ihr nach oben zur Luke zum Dachboden, als sei da oben der Himmel. Dort oben sprang mir das Herz auf, wir umarmten uns und ich nahm sie und wollte sie auf den Händen raustragen, doch der Alte hielt mich zurück und erinnerte uns an das Kind.
    Ich sollte das Kind nehmen und langsam trottete ich, Tränen in den Augen, mit meiner, für mich war sie es nun, - meine Frau - den Berg hinab."
  • RED Gemeindepraktikum, Allendorf(Sundern) März 1989
  • />Kontakt/Impressum & ! Haftungsausschluss !
    X