/xmlTexte/ von R.E.Dick : ERNST

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offenes Buch ERNST

  • Nein, Ernst war nicht katholisch, Ernst war überhaupt nicht, weder katholisch noch evangelisch, aber Ernst hatte einen Freund und dieser Freund war katholisch und Ernst wusste das, denn der Freund war streng erzogen worden. Ach, vielleicht sollte zunächst erklärt werden, dass Ernst und sein Freund Michael gerade fünf Jahre alt waren, als sich Folgendes zugetragen hat. Dabei geht es weniger um Michael, der, wie seine Eltern Ernst versichert hatten, mit Gebet und Kirchgang sehr streng erzogen wurde. Erst vor kurzem waren Michael und Ernst vom Kindergarten abgeholt worden. Michael und Ernst waren Nachbarn und so wechselten sich die Mütter ab, die Kinder abzuholen.
  • Dabei machten sie dann einen Umweg, weil Michaels Mutter noch etwas zu erledigen hatte und kamen also an Michaels Kirche vorbei, also an der Kirche, von der Michael sagte, dass es seine Kirche sei. Ernst und Michael hatten in der Fußgängerzone zu warten, weil Michaels Mutter eine Reinigung aufsuchte, um einige Kleider abzuholen. Von dort in der Fußgängerzone konnte man die alte Kirche gut sehen und sprachen Michael und Ernst darüber. Ernst bewunderte den hohen Turm und fragte Michael, wie das denn so wäre, in der Kirche. Michael erklärte dann und berichtete von den Bänken, von Bildern, Kerzen und dem Altar und was ihm dann einfiel, was das wichtigste sei, dass Gott dort wohne.
  • Ernst wollte dann wissen, ob es dort lustig ist. Michael erklärte dann, dass es dort sehr ruhig ist, die Leute dort wollten ja Gott nicht stören und außerdem seien dort hin und wieder Menschen, die wollten in Ruhe beten und beten, so hatte Michael ja gelernt, beten bedeutet dann mit Gott sprechen. Michael musste natürlich zugeben, dass er Gott wohl noch nie sprechen gehört hatte und dass es in der Kirche für ihn oft recht langweilig war, aber er erklärte dann auch, wie wichtig dieser Gott ihm als Freund sei, weil er ja so mächtig ist. So wusste Michael auch, dass Gott in allen Kirchen gleichzeitig war, als Jesus und Heiland, auch wenn man ihn nicht wie einen Menschen zu sehen bekam, aber für Michael war klar, dass ein so großer Gott und mächtiger Freund alles, was er sich vorstellen konnte, übertraf. Auch Ernst bekannte, dass er sich nicht vorstellen konnte, wie jemand an vielen Orten zugleich sein kann. Ernst hätte dann noch einige Fragen gehabt, aber Michaels Mutter war gekommen und so blieb Ernst dabei zunächst sich selber zu fragen, ob denn nicht auch er gerne einen so mächtigen Freund gehabt hätte. Sicher, eine solche Freundschaft schien ihm nicht zu schaden.
     
  • Nun, an einem Sonntag, war Ernst allein an dieser Kirche, weil er sich mit einigen Spielkameraden getroffen hatte und seine Mutter sich keine Sorgen machte, denn Ernst war in der Gegend gut bekannt und kam schon gut zurecht. Michael hatte ihm gesagt, dass an diesem Sonntag in seiner Kirche besonders viel gebetet würde und Ernst dachte daran. Aber beten hatte ihn auch nie gestört und er hatte so gar gerne mitgemacht, wenn er bei Michael zu Besuch war und vor dem Essen oder sonst schon mal gebetet wurde. Die Neugier trieb Ernst dann dazu, sich in die Kirche zu schleichen und langsam und leise vorzupirschen.
  • Die Kirche war an diesem Tag besonders geschmückt, aber das konnte Ernst nicht wissen. Er bewunderte nur die Kerzen. Es war sehr ruhig und Ernst fürchtete sich entdeckt zu werden, so hütete er sich zu laut zu sein und schlich sich den Mittelgang entlang nach vorn. Er konnte gerade über die Bänke herüber sehen, ja, so groß war er schon und er schaute in den Bänken nach den Leuten, die ihn bemerkten, aber nicht verrieten, sondern ihren Blick bald wieder in diese eine, allen gemeinsame Richtung warfen, nach vorne, wo Ernst etwas auf einem Tisch, für ihn war es ein Tisch, stehen sah. Ernst fasste Mut, je mehr Leute und Bänke er, ohne weg gescheucht zu werden, hinter sich ließ, auf dem Weg zu jenem von allen in Stille bewunderten und angestarrten Punkt vorne im Licht bei den Kerzen auf diesem Tisch. Er wurde also immer schneller und lief schließlich sogar einige Meter darauf zu. Und nun konnte er einfach nicht anders, er musste fragen:
  • "Was ist denn das?" rief er laut! Und prompt wurde er böse, aber auch überrascht angesehen. Dennoch blieb alles ruhig und Ernst stand da, sah sich fragend um und zeigte auf den Tisch nach vorne. Die Leute sahen nun alle auf Ernst, einige Böse und jemand verwies mit dem Arm zum Portal, wo Ernst hinein gekommen war. Nein, nun wollte sich Ernst ansehen, was da vorne war. Er ging laut und unbekümmert gerade auf das Strahlenkranzgefäß da vorne auf dem Tisch zu, wo in der Mitte Glas war und dahinter, Ernst glaubte es sei Papier. Nun, er sah es nur von weitem, lesen konnte er nicht, aber auch so war es noch zu weit weg für ihn, um zu erkennen, ob etwas darauf stand. Noch bevor er die wenigen Stufen erreichte, die zum Tisch hinauf führten, kam eine Frau aus der vordersten Bank und sprach Ernst freundlich an: "He, Junge bleib stehen. Wo willst Du denn hin?" und schon hielt sie Ernst fest. Ernst sah sie an und da sie freundlich aussah, ließ er sich von ihr mit in die Bank nehmen. Dort setzte er sich, wie sie ihm andeutete. Dann flüsterte die Frau ihm ins Ohr: "Du hast Dich wohl verlaufen? Du mußt hier leise sein, sonst bringe ich Dich gleich raus!" Ablehnend hatte Ernst den Kopf geschüttelt, dann fragte er leise: "Wo ist denn euer Gott?" Nun wurde ihm erklärt, dass Gott im kleinen Brot hinter dem Glas, es war also kein Papier, in diesem Strahlenkranzgefäß, das Monstranz heißt, wohnt, und man würde ihn essen. Als Ernst einwendete, dass Gott dann ganz klein sei, wurde ihm erklärt, dass Gott sich so klein macht, machen kann, dass Gott in jedem Stück von diesem Brot und in vielen Kirchen zugleich wohne und dass man es eben nicht verstehen kann, aber das kann eben nur ein Gott. Gott macht sich darum so klein wurde ihm gesagt, weil er bei den Menschen sein will, die Ihn essen und in deren Herzen er wohnen will, Menschen, die Gottes Freunde sind. Bald war es für Ernst dann zu viel und er wollte gehen. Die Frau ging mit und begleitete ihn nach draußen. Ernst wollte wiederkommen, sagte er draußen, wenn er darf. Er erklärte, dass er einen Freund habe, dessen Kirche diese Kirche sei und dass der Freund auch betet. Die Frau schenkte Ernst dann ein Bild von einer schönen Frau und erklärte ihm, dass das die Mutter Gottes sei, die Jesus geboren hat, als Gott Mensch wurde. Ernst aber hörte, dass diese Frau ihm helfen sollte, wenn er in Not sei und zu Gott kommen will. Ernst sagte dann, dass er nur Gottes Freund sein wolle, nicht mehr, nahm das Bild und ging nach hause.
  • Zuhause erzählte er davon und seine Mutter wurde böse. Da zeigte Ernst ihr das Bild von der Mutter Gottes. Die Mutter nahm es ihm weg, doch Ernst bettelte so lange bis er das Bild wieder bekam, nahm das Bild und ging weinend auf sein Zimmer. Dort rief er nach Gott.
  • Bald kam die Mutter, ihn zu trösten, sein kleines Bild sollte einen Ehrenplatz bekommen und wenn er unbedingt wolle, dürfe er mit seinem Freund und Nachbarn auch mal die Kirche besuchen. Und er sagt seiner Mutter: "Gott soll mein Freund sein! Mama, bitte lass Gott mein Freund sein. Ja, darf Gott mein Freund sein?"
  • Die Mutter gab zunächst nach, damit Ernst beruhigt war, später erinnerte Ernst das Bild der Mutter Gottes immer wieder an Gott und er besuchte mit Michael die Kirche. Michaels Eltern halfen, so dass Ernst getauft werden konnte als er sieben Jahre alt war, Michaels Mutter wurde Taufpatin und Ernst war stolz.
  • Mit neun Jahren ging Ernst mit Michael zur Kommunion, später mit vierzehn Jahren wurden sie gefirmt. Später verlor Michael das Interesse am Glauben und an der Kirche, Ernst aber fand immer wieder jenes Bild der Gottesmutter in seinem Gesangbuch und entschied sich sogar, nachdem er das Elternhaus verlassen hatte, um im Beruf als Techniker zu arbeiten, Priester zu werden.
  • (erfunden, bis Okt.1994)

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